"Wie wollen wir miteinander umgehen?"

Die wichtigste Frage überhaupt. Egal um welches Thema es geht. Egal um welches Projekt es geht. Egal ob die Gruppe klein oder groß ist, ob es zwei Menschen sind oder viele, die etwas zusammen machen. Es geht immer auch um die Frage, wie miteinander umgegangen wird.

Wie beziehen wir uns aufeinander? Wie denken wir übereinander? Wie reden wir miteinander? Reden wir auch übereinander? Reden wir auch übereinander, wenn diejenigen, über die wir reden, nicht dabei sind? 

Natürlich ist das WAS wichtig. Das Thema, das Anliegen. Natürlich sind Daten und Fakten und Zahlen wichtig. Natürlich sind inhaltliche Zusammenhänge wichtig. Natürlich geht es immer um ETWAS, dem wir Bedeutung beimessen. Aber WIR, also die Menschen, die sich um dieses ETWAS kümmern, sind auch wichtig. Ohne uns würde sich nämlich dieses ETWAS nicht bewegen.

Jede Gruppe, jedes Team, jedes Miteinander bildet ganz automatisch und aus sich heraus ein soziales System, in dem Rang und Macht und Abhängigkeiten eine Rolle spielen. Ob wir es wollen oder nicht. Ob wir dagegen sind oder nicht, ganz egal, es passiert und wir sind beteiligt sobald wir uns in einer Situation befinden, in der Menschen sich für ETWAS zusammentun. 

Dieses ETWAS ist meistens so stark, dass es unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und wir uns als Gruppe und als Miteinander schnell aus dem Blick verlieren. Warum ist das so? Was ist der Grund dafür, dass wir gemeinsam etwas in den Blick nehmen, uns gemeinsam auf etwas beziehen, gemeinsam ein Anliegen bearbeiten, gemeinsam ein Ziel verfolgen und dabei oft vergessen, uns als soziales System, als sozialen Organismus zu betrachten, der es wert ist, dass wir uns um ihn kümmern?

Wie wollen wir miteinander umgehen? Diese Frage scheint mir zumindest genauso wichtig zu sein wie die Fragen: Was ist der nächste Schritt in unserem Projekt? Wie können wir unser Produkt verbessern? Wie bekommen wir neue Mitglieder? 

Und ebenso wichtig ist, immer wieder zu checken: Wie gehen wir eigentlich tatsächlich miteinander um? Welche  Gewohnheiten haben wir entwickelt? Welche Wirkung und Nebenwirkung haben dieses und jenes Verhalten? Wollen wir das? Oder wollen wir etwas verändern? Und was brauchen wir dazu?

Dieses Nach-innen-schauen, also dieser Wechsel der Aufmerksamkeitsrichtung von außen nach innen, ist für viele ungewohnt und verunsichernd. Vor allem für diejenigen, die keine persönliche Erfahrung damit haben und diesen Richtungswechsel der Aufmerksamkeit nicht mit sich selbst praktizieren. Wer immer nur nach außen fokussiert und sich selbst nur in Funktion sieht, der oder die wird auch die Gruppe, zu der sie gehört, in Funktion zum gemeinsamen Anliegen sehen. 

Die Frage "Wie wollen wir miteinander umgehen?" ist deshalb eine gute Frage, weil sie dazu führt, dass die einzelnen Teilnehmenden eines Teams oder einer Gruppe aufgefordert werden, sich selbst sowohl als Akteurin als auch als Beteiligter als auch als Betroffene in den Blick zu nehmen. Wir sind in Gruppen immer Sender und Empfänger von Inhalten, die wir so oder so oder so meinen und interpretieren können. Und nur wenn wir ständige Feedbackschleifen bilden, können wir dazu beitragen, dass Missverständnisse gemindert und Konflikte früh erkannt werden. 

Ich empfehle Gruppen, dafür zu sorgen, dass die Aufmerksamkeit die Richtung wechseln darf: von außen nach innen, von innen nach außen. Am besten in einem abgesprochenen Rhythmus. Zum Beispiel ein Mal im Monat ein ganzes Treffen nur für Gruppen-Innenthemen. 

Sowohl das Gruppenaußen als auch das Gruppeninnen brauchen spezifische Kommunikation. Die Innenkommunikation muss oft erst gelernt werden, denn sie wurde uns nicht beigebracht. Unser Bildungssystem und unsere Arbeitswelt trainieren uns darauf, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was außerhalb unseres individuellen inneren Systems liegt. Nur wenn wir nicht mehr funktionieren, wenn wir krank werden, sind wir legitimiert, uns um unser Inneres zu kümmern. Sowohl physisch als als psychisch. Und so gehen wir auch mit unseren Gruppen um. Nur wenn die Konflikte überhand nehmen, suchen wir Hilfe von außen. Nur wenn wir mit unserem Anliegen zu scheitern drohen, nehmen wir externe Hilfe in Anspruch. 

Das könnte anders laufen wenn Gruppen es wagen, von Anfang an gemeinsam nach innen zu schauen und die dazu notwendige Kommunikation und entsprechende Methoden anzuwenden. Dazu müssen sie Zeit und meist auch Geld aufbringen, diese erstmal zu lernen. Aus meiner Sicht eine gute Investition in die gemeinsame Zukunft. 



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