Posts

Vom Ich und vom Wir.

Bild
Nach dem Berufsleben machen wir, also die meisten, erstmal laaaange Urlaub. Auch wenn wir nicht wegfahren, so fühlt es sich erstmal an wie Ferien. Freisein. Tun und lassen, was man will. Lange schlafen. Morgens im Schlabberlook rumlaufen. Erstmal gemütlich frühstücken. Zeitung lesen. Überlegen, was heute gekocht wird. Überlegen, was und wo man heute einkaufen geht. Ob überhaupt oder lieber nicht. Vielleicht plant man etwas für den Nachmittag oder Abend. Vielleicht auch nicht, weil es schön ist, alles einfach so laufen zu lassen. Niemand will mehr etwas von einem. Wie gesagt: man ist frei. Ich bin frei.  Ich kann übrigens immer häufiger ich sagen ohne mich egoistisch zu fühlen und ohne als solche angesehen zu werden. Irgendwie verschwinden nämlich die Wirs beim Älterwerden. Ich sagen ist also eine Aussage, die die Wirklichkeit spiegelt. Und damit kann es nicht als egoistisch gelten. Das Wir der Familie endet meist im Wir des Alten Paares, und von dem bleibt irgendwann auch nur einer ode

Frustration wirkt.

Bild
Wer lange lebt, hat wahrscheinlich viel Erfahrung mit Frustration. In Phasen, in denen man große Erwartungen hat, viele Wünsche, viele Träume, diese sich aber nicht oder nur teilweise erfüllen, aus welchen Gründen auch immer, ist Frustration die entsprechende Reaktion.  Ich bin allerdings erstaunt, wie selten gesagt wird „Ich bin frustriert“. Meistens wird die Wirkung von Frustration formuliert: ich bin sauer, ich bin verärgert, ich bin enttäuscht, diese blöde Kuh!, der Arsch!, ich mache nie wieder etwas, und so weiter und so weiter. Ein ganzer Fächer an Gefühlen und Wirkungen, die aus Frustration kommen. Aus dem Internet kopiert:  Was bewirkt Frustration? Je nachdem, wie hoch oder niedrig unsere Frustrationstoleranz   ist , sind wir schneller oder weniger schnell   frustriert , wenn etwas nicht erwartungsgemäß verläuft. Auf   Frustration  reagieren wir in der Regel enttäuscht, verärgert, aggressiv, manchmal auch verbittert, demotiviert, deprimiert oder gar depressiv. Frustration erleb

Dieses Drehen um die eigene Person ist der Wahnsinn.

Bild
Solange wir arbeiten gehen, beruflich in bestimmten Rollen sind und auf unsere Wirkung achten und Aufgaben erledigen müssen, kontrollieren wir unsere inneren Impulse. Anders wäre berufliches Sozialleben nicht denkbar. Wenn wir aber nicht mehr beruflich unterwegs sind, wenn wir pensioniert sind oder in Rente, dann müssen wir uns um unsere Wirkung nicht mehr auf dieselbe Weise kümmern wie in einer beruflichen Rolle. Sie kann uns sogar vollkommen egal sein. Es geht ja um nichts mehr.  Heißt das, dass wir dann unseren inneren Impulsen freien Lauf lassen können? Können wir sie sozusagen von der Leine lassen und ihnen folgen, ohne Rücksicht auf Verluste? Weil wir nichts mehr zu verlieren haben? Nach dem Motto: „So bin ich eben!“? Ich bin erstaunt, dass ältere Menschen, frei von beruflichen Zwängen und oft auch frei von anderen Verpflichtungen, davon auszugehen scheinen, dass sie sich nicht mehr um Rollenverhalten kümmern müssen, sondern immer und überall so sind, wie sie eben sind. Frei und

Ein Nagel für meine Expertise.

Bild
 „Wo ist der Nagel, an dem ich mein Wissen und Können aufhängen kann? Ich brauche es nicht mehr. Es wird nicht mehr abgerufen. Niemand will es mehr haben. Dabei ist es keineswegs alt und überholt, denn ich habe mich immer weiter gebildet, bin also auf dem neuesten Stand. Wer alt ist, bin ich. Deshalb wurde ich in den Ruhestand geschickt. All mein Wissen und Können nehme ich mit, weil es in mir drin ist. Was ich nicht mitnehme, ist all das, was mir die Anwendung meiner Fähigkeiten und meines Wissens möglich gemacht hat. Ich werde sozusagen in die Wüste geschickt. Nachhause.“ Zuhause ist natürlich keine Wüste. Zuhause ist privat. Die andere Seite des Lebens. Beruf und Privat sind für die meisten gegensätzlich, zumindest erleben sie es so. Aber hier wie dort sind wir wir. Bin ich ich. Die Frage ist, wer bleibt übrig, wenn ich nicht mehr beruflich tätig bin, weil ich ein bestimmtes Alter erreicht habe. Ein Alter, das als alt gilt.  Je mehr ich darüber schreibe, umso brutaler empfinde ich d

Wenn Wissen und Können keine Rolle mehr spielen.

Bild
Wer bin ich ohne mein Wissen und Können? Die Frage finde ich irgendwie beängstigend und ich merke, dass ich sie  ungern öffentlich behandeln würde. Ich habe das Gefühl, dass es intim wird wenn ich mich von meinem Wissen und Können desidentifiziere. Dabei bin ich schon lange ohne Expertise unterwegs und greife nur dann darauf zurück wenn ich für die Rolle der Expertin angesprochen werde. Wenn ich zum Beispiel eine Anfrage für einen Workshop oder eine Lesung erhalte, dann bin ich voll und ganz mit meinem Wissen und Können identifiziert, dann hole ich es in den Vordergrund. Aber sonst? Die berufliche Welt funktioniert indem wir uns in Rollen begeben für die ein bestimmtes Wissen und Können vorgesehen ist. Wir gehen in Funktionen, übernehmen Aufgaben, wir tun wofür wir ausgebildet wurden und bezahlt werden. Das ist der Deal. Ich lerne und schaffe mir Wissen und Können drauf und stelle es dann zur Verfügung, indem ich es verkaufe.  Ich vermute, dass manchmal und vielleicht sogar oft, die Id

Mit Wissen und Können ins Nichtwissen und Nichtkönnen.

Bild
Für ein gutes und zufriedenes Leben im Alter sind Wissen und Können offensichtlich nicht wichtig. Klar, was man weiß, weiß man und was man kann, kann man. Wissen und Können sind einfach da, aber wir brauchen sie nicht mehr. Wenn wir Wissen und Können als geistige Fähigkeiten annehmen, gekoppelt mit der Fähigkeit, sie anzuwenden, dann ist klar, dass, wenn uns die Möglichkeiten der Anwendung fehlen, Wissen und Können nicht mehr voll zum Einsatz kommen können. Wenn es mir also wichtig ist, auch nach der Berufstätigkeit weiterhin mein Wissen und Können anzuwenden, dann muss ich mich darum kümmern, ein Anwendungsgebiet dafür zu finden. Ich muss mich vielleicht selbständig machen oder mich aufmachen und im Bereich meiner früheren Arbeit darum bitten, mitmachen zu dürfen oder ich suche mir ein anderes Feld, in dem das, was ich weiß und kann gebraucht wird.  Natürlich sind wir alle viel mehr als unser Wissen und Können, das wissen wir. Die Frage ist, wer wir sind wenn wir nicht wissen und nich

Angst, Kriegstrauma und Bluthochdruck

Bild
Der Krieg gegen die Ukraine lässt hierzulande derzeit niemanden kalt, anders als andere Kriege in der Welt. Alle Medien sind voll mit Bildern und Texten. Das Fernsehen berichtet ständig darüber. Unser deutsches kollektives Kriegstrauma wird angerührt und kann sich, je nach dem was damals im letzten Weltkrieg erlebt wurde, durch mehr oder weniger starke Gefühle äußern. Ich habe jedenfalls Angst. Das aber habe ich erst vor ein paar Tagen gemerkt. Ich will kurz beschreiben, wieso es so lange gedauert hat. Um besser verstehen zu können, was da eigentlich in der Ukraine vor sich geht, auch was die Hintergründe angeht, habe ich erstmal zu Beginn des Krieges viel gelesen. Mit der Zeit merkte ich aber, dass diese vielen Informationen keineswegs dazu beitrugen, dass ich ruhiger wurde, im Gegenteil.  Dann kamen vor ungefähr zwei Wochen Schwindelgefühle. Eher beiläufig habe ich meiner Physiotherapeutin davon erzählt und sie hat sofort das Buktdruckmessgerät geholt. Die Werte waren viel zu hoch. B

Kann denn mal einer den Politiker: innen den Unterschied zwischen persönlich und privat erklären!

Bild
 Vorhin las ich bei Spiegel Online eine Kolumne, in der es um Olaf Scholz geht. Da steht u.a.:  „Er sei persönlich für die Impfpflicht, wollte sich aber als Bundeskanzler dafür nicht einsetzen. Das war schon absurd genug, als gäbe es einen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Kanzler Scholz.“  Wenn es stimmt, was die Kolumnistin schreibt, dass Herr Scholz das Wort „persönlich“ in diesem Zusammenhang genutzt hat, so hat er einfach zwei Begriffe miteinander verwechselt und das hat die Kolumnistin nicht bemerkt. Und zwar persönlich und privat. Hätte Herr Scholz anstelle von "persönlich" "privat“ gesagt, hätte die Autorin ihn verstanden und sich sicherlich nicht empört, denn es ist klar, dass Herr Scholz nicht privat ist wenn er Politik macht. Aber er ist, und das kann man nur hoffen, immer persönlich. Wäre er es nicht, müsste man sich Sorgen machen. In diesen Tagen wird Herr Scholz sehr wegen seiner Art zu kommunizieren kritisiert. Ich vermute, er will in gar keinem Fa

Privatmensch oder weltbezogener Mensch mit einem Privatleben.

Bild
Nachdem wir im Alter angekommenen sind, uns aber eher nicht alt fühlen, ist für viele die Frage: Was jetzt? Manche haben Lust auf Neues und Herausforderungen. Manche suchen nach Betätigungsfeldern. Sie orientieren sich. Sie engagieren sich. Aber nicht alle Alten haben Lust auf Neues und auf Herausforderungen. Viele wollen ihre Ruhe haben und ihr Privatleben so schön wie möglich gestalten, sich etwas gönnen und genießen. Die einen wollen privatisieren und die anderen können sich ein Leben ohne aktiven bzw. proaktiven Weltbezug nicht vorstellen.  Aktiv sind heutzutage alle Alten. Die Privatisierer:innen genauso wie die proaktiv Weltbezogenen. Aber es ist anders als Privatisierer:in aktiv zu sein als in einer Aktivität zu sein, die über das Private hinausgeht. Ich muss zugeben, dass mich diese Unterscheidung schon lange fasziniert, denn ich stelle immer wieder fest, wie sie den wirklich großen Unterschied macht wenn man unter Alterskohorten ist und miteinander spricht und sich austauscht.

Aus dem Projekt - Prozess 14. April 2022.

Bild
Immer wieder werde ich unsicher, ob ich weitermachen soll mit den Interviews. Vor allem dann, wenn ich das Feedback bekomme, die Interviews zu lesen sei uninteressant und langweilig. Ich frage mich dann, wieso ich es interessant finde und überhaupt nicht langweilig, wenn ich Menschen über 65 frage, wie sie mit ihrem Wissen und Können umgehen.  Erstmal finde ich den Prozess interessant, die erste Kontaktaufnahme, die Terminfindung, die Durchführung des Interviews, das Transkribieren der Audiodatei, die Korrektur seitens der Interviewpartner:innen und schließlich das Posten des fertigen Textes. Dieser Prozess ist mir seit vielen Jahren vertraut, seit 2007 interviewe ich Menschen zu ganz unterschiedlichen Themen. Immer im Selbstauftrag. Immer um die Texte auf einer eigenen Webseite, die zum Thema passt, zu veröffentlichen. Ein Mal ist ein Buch daraus geworden. Ab ins Wohnprojekt! Als ich mit den Interviews zum Thema Wohnprojekte anfing, war es vollkommen unklar, ob die Idee, ein Buch dar

Wie geht ihr mit eurem Wissen und Können um? Reinhold und Maria (18)

Bild
Reinhold, 70, und Maria, 69, XXX im März 2022. Reinhold : Es gibt zweierlei, das eine ist natürlich das berufliche Wissen, das man sich angeeignet hat und das zweite ist Wissen, das man sich nebenher durch das allgemeine Leben oder auch durch Hobbys angeeignet hat. Wenn ich jetzt mal mit dem Beruflichen anfange, ich bin 2016 in die Rente gegangen, ein Jahr früher als normal, und war damit noch ein Jahr an die Firma gebunden und durfte sonst nichts weiteres tun. Dann ab 2017 war ich sozusagen von der Firma frei und konnte andere Aktivitäten machen. Ich habe dann aufgegriffen, was mir vorher schon mal angetragen worden war. Ich war in der Raumfahrt tätig und mir wurde vorgeschlagen, auf europäischer Ebene als unabhängiger Experte für die Begutachtung von Angeboten tätig zu sein, die im Rahmen der EU-Raumfahrtprogramme zur Förderung ausgeschrieben werden. Diese Angebote müssen bewertet, ausgewertet und kategorisiert werden bevor für sie eine Förderung ausgesprochen werden kann. Und in die

Wie gehst du mit deinem Wissen und Können um? Marlies (17)

Bild
* Marlies, 66, Moers im März 2022. Mein Wissen und Können, das, was ich mir angeeignet habe, vor allem auch beruflich, hat für mich im Moment wenig Wert. Es ist wichtig für das, was ich daraus jetzt entwickle. Aber das eigentliche Wissen würde ich so gar nicht mehr weitergeben wollen. Ich habe ja als Sozialpädagogin gearbeitet, mit Jugendlichen in der Berufsvorbereitung. Und damals ist mir schon klar gewesen, dass das, was wir machen, nicht reicht für das, was die Jugendlichen brauchen. Ich bin letztendlich an dieser Arbeit in den Burnout gegangen. Weil dieser Widerspruch in mir viel zu groß war, denn ich habe immer mehr versucht darein zu geben und habe das gar nicht geschafft, was ich da machen wollte. Ich habe immer schon das Thema berufliche Orientierung gehabt. Was muss das sein? Wie muss das gehen? Da fehlt etwas in dem was wir an Methoden haben.  Ich habe ja auch eine therapeutische Ausbildung gemacht und hatte die Hoffnung, dass ich daraus Elemente in meine Arbeit einbringen ka

Wie gehst du mit deinem Wissen und Können um? Uwe (16)

Bild
* Uwe, 67, Meerbusch im März 2022. Ich rufe es ab, wo immer ich es brauchen kann. Ich habe jetzt nach meinem Renteneinstieg einen Nebenjob als Gärtner auf einem Bürogelände angefangen. Da bringe ich den Garten so ein bisschen in Ordnung. Und wenn Hausmeistertätigkeiten zu erledigen sind und organisatorische Sachen im Garten, darum kümmere ich mich.  Du bist aber nicht Gärtner von Beruf, oder? Nein, ich bin ausgebildeter Sozialversicherungsfachangestellter. Damit habe ich angefangen. Dann habe ich mich zum Programmierer umschulen lassen und habe da einige Jahre gearbeitet, dann aber keinen Job mehr in diesem Bereich gefunden, weil zu dieser Zeit alles, was über 40 war, vermeintlich nicht mehr up to date und zu teuer war. Diese Kenntnisse der ganzen Computerausbildung kann ich leider nur noch zuhause und innerhalb der Familie etwas anwenden, aber nicht wirklich einsetzen. Gibt es denn etwas, wovon du sagen würdest: Das kann ich wirklich richtig gut? Ich sehe mich da eher als Allroundtale

Wie gehst du mit deinem Wissen und Können um? Rosi (15)

Bild
*  Rosi, 66, Meerbusch im März 2022. Die neue Eingangsfrage ist: Wie gehst du mit deinem Wissen und Können um? Es hieß ja zuerst, was machst du mit deinem Wissen und Können? Ich habe mir überlegt, was kann ich und was weiß ich. Ich kann mich natürlich auf meinen früheren Beruf beziehen. Ich habe 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Jetzt aber arbeite ich ehrenamtlich bei Oxfam und betreue dort die Buchabteilung. Wir leben ja von Spenden und das, was ich privat immer sehr gerne gemacht habe, kann ich dort jetzt fortführen. Würdest du mal beschreiben, was das ist, was du bei Oxfam fortführen kannst? Wir haben bei Oxfam verschiedene Abteilungen.Ich habe immer viel gelesen und betreue die englischsprachige Literatur und Krimis, Psychologie und Pädagogik, Kunst und Architektur. Das sind die Themen, die mich interessieren. Ich betreue jetzt diese Sparten und kann den Kunden auch Tipps geben. Die fragen manchmal: Ich suche das und das, können Sie mir helfen? Kunst und Architektur sind immer mein