Vision und Entscheidungsprinzip

Wohnprojektgruppen entwickeln zu Beginn ihrer Zusammenarbeit üblicherweise eine gemeinsame Vision. Dieser Prozess der Visions-Entwicklung ist oft der Einstieg in das Gemeinschaftsleben. Gruppen, die auf diesen Einstieg verzichten, berauben sich der Grundsteinlegung ihres Gemeinschaftslebens. 

Manche Gruppen meinen, die gemeinsame Vision sei doch klar, wenn Leute zu den Einladungen kommen, in denen angekündigt wird, dass es um ein gemeinsames Wohnprojekt geht. Irgendwie gehen sie davon aus, dass dasselbe zu wollen auch heißt, dass dasselbe für alle dasselbe ist.

Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt kann für jeden und jede, die mitmachen will, etwas anderes bedeuten. Selbst wenn der Standort feststeht und alle sagen: Ja, da will ich wohnen, diesen Platz finde ich gut, kann es sein, dass zu der Art, WIE dort zusammen gewohnt wird, vollkommen unterschiedliche Vorstellungen bestehen. 

Also ist es wichtig, eine Gruppensituation zu schaffen, in der jede und jeder seine persönliche und individuelle Vorstellung mitteilen kann. Und dann kann sich ein Gruppenprozess entwickeln, in dem geklärt wird, worauf sich alle einigen können und was sie umsetzen wollen. Und diese Einigung geschieht am besten NICHT durch eine Mehrheitsabstimmung.

Mit einer Mehrheitsabstimmung bei der Visions-Entwicklung werden von Anfang an die Weichen für Gewinnen und Verlieren gestellt, also für Gruppenbildung innerhalb der Gruppe, für Frustration und Enttäuschung auf der einen Seite und für Dominanz und informelle Führung auf der anderen.

Die gemeinsame Vision braucht unbedingt den Konsens bzw. eine Entscheidung, die dem Konsens so nahe wie möglich kommt. Überhaupt sollten gemeinschaftliche Wohnprojektgruppen ganz auf Mehrheitsabstimmungen verzichten. Denn sie tun dem Anliegen, Gemeinschaft zu leben, nicht gut.

Das Mehrheitsprinzip ist nicht für unsere modernen partizipativen und gemeinschaftlichen Gruppen vorgesehen gewesen. Es hat damals den autoritären Alleinentscheider abgelöst und war ein wichtiges Werkzeug für die Entwicklung der Demokratie und demokratischer Systeme. Aber für modernes Gemeinschaftsleben ist es ungeeignet.


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