Das Dilemma gemeinschaftlicher Wohnprojekte mit der Führungsrolle.

Ich habe 2015 begonnen, mich mit Menschen zu treffen, die gemeinschaftliche Wohnprojekte initiiert haben, um sie zu interviewen. Aus diesen Interviews ist ein Buch geworden, das 2018 im oekom verlag erschienen ist, mit dem Titel Ab ins Wohnprojekt! 
Auf der Basis dieses Buches werde ich seither manchmal von Wohnprojekten zu Workshops eingeladen. So kann ich weiterhin Projekte und ihre Initiatoren und Initiatorinnen kennenlernen und immer mehr Einblick in die Szene gewinnen.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ein bestimmtes Phänomen immer wieder vorkommt und sich durch die gesamte Wohnprojekte- Szene zieht. Ich will versuchen es zu beschreiben. Es hat etwas mit den Initiatoren und Initiatorinnen zu tun, also mit den Menschen, die vor Ort die Urspungsidee hatten und dann irgendwann angefangen haben, ihre Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen aktiv umzusetzen. 
Häufig sind es Paare um die 60, die aktiv werden. Aber manchmal sind es auch Einzelpersonen, einzelne Männer oder Frauen, wobei die Frauen in der Minderzahl sind. 

Was ich hier schreibe beruht übrigens auf persönlichen und radikal unwissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich finde, zu warten, bis die Szene der gemeinschaftlichen Wohnprojekte wissenschaftlich untersucht und dargestellt sein wird, dauert zu lange, um über Phänomene zu sprechen, die offensichtlich sind und sich besonders häufig zeigen, wenn man sich umschaut. 

Worum geht es genau?
In der Begegnung mit einem Initiator oder einer Initiatorin höre ich, wie die Idee allmählich, oder manchmal auch schnell, in ihnen gereift ist und sie erstmal mit Freunden darüber geredet haben, dann Kontakt nach außen aufnahmen, vielleicht mit der Stadtverwaltung, oder der Politik, oder einem Immobilienunternehmen, dann nach Leuten gesucht haben, die mitmachen wollen und dabei dann oft schon eine Pressemitteilung rausgegeben haben.
An dieser Stelle im Prozess eines Wohnprojekts passiert übrigens überall dasselbe. Egal wo im Land, alle sind immer total überrascht, wie groß die Resonanz ist. So als könnten sie nicht glauben, dass in ihrer Stadt dasselbe geschieht, wie überall woanders auch, nämlich dass sehr viele Leute am Wohnen in Gemeinschaft interessiert sind und dabeisein wollen, wenn so etwas bei ihnen in ihrer Stadt "angeboten"  wird. 
Und damit ist die Haltung benannt, mit der die Allermeisten auf eine Pressemitteilung reagieren, nämlich mit der Haltung auf ein „Angebot“, und das ist das Habenwollen. Dabei geht es in Wirklichkeit um sehr viel Arbeit und ums Lernen und um großen Zeitaufwand, die erforderlich sind und geleistet werden müssen. Das aber schreiben die Initiatoren nicht. Dafür gibt es Gründe. Die werde ich in einem anderen Post beschreiben.

Wenn dann also viele Interessierte da sind, viel mehr als gedacht, sehen sich die Initiatoren mit Herausforderungen konfrontiert, die sie irgendwie managen müssen. Und dann geht alles seinen Gang. Sozusagen als Reaktion auf das große Interesse. Das bringt Schwung. Gruppen werden gebildet, manchmal schnell Vereine gegründet, manchmal eine GBR, manchmal eine andere Rechtsform, eine Genossenschaft zum Beispiel, was allerdings lange dauert. 
Das alles macht VIEL ARBEIT.  Und alles im FREIWILLIGEN ENGAGEMENT. 
Und oft schauen viele, zum Beispiel aus der Stadtverwaltung oder der Politik, dabei zu und vielleicht wundern sie sich. Nur selten tun sie etwas, um die Initiative zu unterstützen. Meistens warten sie ab. Ob etwas daraus werden kann. Die Skepsis überwiegt. 

Aber zurück zur Wohnprojektgruppe. Bei der ganzen Entwicklung entstehen ganz automatisch Rollen, die wahrgenommen werden müssen, damit es weitergehen kann. Und diese Rollen füllen sich informell, oder es wird gefragt: Wer will das übernehmen? Aber nie wird gefragt: Wer will die Führungsrolle übernehmen? Führungsrollen sind in Gruppen des freiwilligen Engagements total tabu. Allein das Wort, also der Begriff "Führungsrolle" wirkt auf die Beteiligten wie ein rotes Tuch. Erinnert viel zu sehr an die Arbeit und den Beruf. Das aber will niemand, denn Wohnen ist ja eine Privatangelegenheit. Ob Wohnen in Gemeinschaft und das Verwirklichen eines Wohnprojekts auch als Privatsache einzuordnen ist, wäre zu besprechen. Ich meine, dass Leben und Wohnen in Gemeinschaft das, was wir "privat" nennen, transformiert. Aber darüber woanders mehr. 
Jedenfalls muss die Rolle des Führens oder Leitens ausgefüllt werden. Irgendjemand muss vorgehen. Nicht bestimmen. Und schon gar nicht alleine entscheiden. Aber vorgehen. Und das übernehmen in der Regel die Initiatoren. Einfach weil es naheliegt. Aber die meisten von ihnen würden niemals sagen, dass sie die Führungsrolle innehaben. 

In dieser Führungs-Rolle-Tabu-Zone gibt es also Menschen, die führen, ohne führen zu wollen. Und auch ohne führen zu sollen. Und damit ist sozusagen der Grundstein gelegt für Inkongruenz und für eine Atmosphäre, in der "etwas nicht stimmt". Ich habe diesen Fehler selbst begangen und weiß wovon ich rede. Und ich schaue mich um und sehe, wie es woanders auch passiert und zu Konflikten führt, die verhindert werden könnten, wenn Rollenbewusstheit vorhanden wäre. Und nicht nur bei den Initiatoren, sondern bei allen Beteiligten.

Was ist es also „was nicht stimmt“? Es ist jedenfalls nicht, dass die Initiatoren in der Führungsrolle sind, sondern es ist der Umgang damit. Und zwar auf allen Ebenen, also im Selbstverständnis des Initiators, der Initiatorin, sowie im Selbstverständnis der gesamten Gruppe. Nach außen jedoch und im Kontakt mit allen anderen Akteuren, also mit der Verwaltung, der Politik und der Wohnungswirtschaft ist alles okay. Die brauchen jemanden aus der jeweiligen Gruppe, der oder die in der Führungsrolle ist. Die wollen mit jemandem sprechen, der Bescheid weiß und den Überblick hat und am besten noch Entscheidungskompetenz. Letzteres ist oft mühsam für die Akteure öffentlicher Institutionen oder Organisationen, wenn sie hören, wie ein „Vertreter, Vertreterin“ des Wohnprojekts sagen muss, dass sie das Besprochene erstmal wieder mit der Gruppe besprechen muss und nicht weiß, welche Entscheidung die Gruppe treffen wird. 

Übrigens wird die Rolle, mit der Wohnprojektgruppen nach außen auftreten,  oft als "Sprecher" oder "Sprecherin" bezeichnet. Eigentlich eine gute Bezeichnung weil sie besagt, das jemand das vermittelt und "spricht", was die Gruppe meint und beschlossen hat. Und so soll es ja auch sein. ABER, und jetzt wird es heikel: Gruppen haben oft nicht die Kommunikationskultur, die es braucht, um „echte“ Gruppenmeinungen zu erarbeiten. Oft sind es nämlich die Schnellen und Lauten, die sich in den Gruppentreffen durchsetzen, und die andere nicken einfach ab. Dabei kommen dann keine Gruppenmeinungen heraus, die tragfähig sind, weil sie nicht alles, was in der Gruppe an Meinungen und Gedanken vorhanden ist, bündeln, sondern nur das widerspiegeln, was die Schnellen und Lauten meinen. Und wenn die dann uneins sind, was natürlich ständig geschieht, und wenn die dann nicht wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Problem und einem Konflikt, und wenn die dann einen Konflikt wie ein Problem lösen, dann fängt alles an schief zu laufen. Und zwar für die gesamte Gruppe. Dazu mehr in einem anderen Post.

In dieser Gemengelage sind oft die Initiatoren diejenigen, die den Überblick haben und das Gesamtbild des Projekts erfassen und auch vermitteln können. Und zwar nach außen sowie nach innen. Aber Führungsrolle? In gar keinem Fall!

 "Führen" gehört als Phänomen auch nicht zu den Anliegen, die gemeinschaftliche Wohnprojekte haben. Alle sollen gleich sein, alles soll von allen mitbestimmt werden, fürs Führen gibt es in der Idee gemeinschaftlicher Wohnprojekte überhaupt keine Basis. Und trotzdem geschieht es, weil es notwendig ist. Der Kontakt mit allen anderen Akteuren draußen vor Ort, die ja beruflich im Thema unterwegs sind, braucht zudem die Anpassung an die übliche gesellschaftliche Kommunikationsform zwischen Organisationen, Institutionen oder Unternehmen. Wer mit ihnen kooperieren will, und das müssen Wohnprojektgruppen, wenn sie erfolgreich sein wollen, der muss kompetent rüberkommen. Und es sind oft die Initiatoren, die das besonders gut können. 

Für die draußen, wie z.B. Mitarbeiter:innen in Stadtverwaltungen z. B. im Liegenschaftsamt, ist Kompetenz ihrer Gesprächpartner:innen wichtig, und wenn diese nicht vorhanden ist, sondern lediglich Begeisterung, dann wird es unangenehm. Sie können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn "interessierte Bürger und Bürgerinnen" zu zweit oder dritt bei ihnen im Büro sitzen und ihnen von ihrer Idee VORSCHWÄRMEN, ein Wohnprojekt vor Ort zu realisieren. Oder wenn eine örtliche Wohnungsbaugesellschaft die Gesprächsanfrage vier älterer Frauen positiv beantwortet und der Geschäftsführer und eine weitere Mitarbeiterin sich für diesen Termin Zeit nehmen, um zu hören, was "die Damen" zu berichten und anzubieten haben, aber weiter nichts hören als BEGEISTERUNG und die Hoffnung, das Unternehmen möge sich doch auch begeistern. Ich rede aus Erfahrung, ich war dabei, ich habe mitgehofft und gespürt, dass in der Gesprächssituation im Konferenzraum des Unternehmens etwas nicht "richtig" ist und schon gar nicht rundläuft.

Heute würde ich sagen, dass die Gruppe, zu der ich damals gehörte, auf der Suche war nach einem starken Partner und nach Führung, weil wir früh spürten, dass wir es alleine nicht schaffen würden. Was wir aber hätten schaffen können, wäre gewesen, intern das Thema mit der Führung zu besprechen und zu lösen. Dazu aber war das Tabu zu groß und zu mächtig. Was tatsächlich passierte, war, dass wir systematisch Führung aus den eigenen Reihen verhindert haben. Darin waren wir echt gut. Übrigens: Diese Gruppe hat es nicht geschafft, auch nicht als eine Frau dazukam, damals war ich schon nicht mehr dabei, die die Führung übernommen hat. Einfach so. Weil sie Führungskompetenz hat. Sie war sicher, es schaffen zu können, und ehrlich gesagt habe ich das eine zeitlang auch gedacht, denn sie war kompetent und hat viel Zeit, Kraft und auch Geld in die Gruppe und die Wohnprojektidee investiert. Aber nach zweieinhalb Jahren und nachdem die Urspungsgruppe sich vollkommen erneuert hatte, sind alle auseinander gegangen. An anderer Stelle werde ich darüber berichten, wie es für die Frau weiterging, welchen persönlichen Prozess sie durchlaufen hat und was sie jetzt  macht. 

Ich kenne einige Menschen, die nach jahrelangem Engagement aufgegeben haben. Frauen und auch Männer und Paare. Ihre Geschichten sind interessant, und ich würde sie hier gerne erzählen. Interessant finde ich auch, dass es nie das Geld gewesen ist, woran eine Gruppe gescheitert ist. Manchmal hat das Grundstück gefehlt, und die Gruppenenergie hat dem jahrelangen Warten auf das richtige Grundstück nicht standgehalten. Meistens jedoch ist es das Zwischenmenschliche, was nicht geklappt hat und nicht klappt. Es fehlt oft an Bewusstheit für die richtige Kommunikation, für Rollen, für das Unterscheiden zwischen Problem und Konflikt, für das, was Wohnprojektgruppen sind und was sie brauchen. All das aber kann gelernt werden. Und insofern plädiere ich dafür, das Thema Gemeinschaftliche Wohnprojekte zu einem Bildungsthema zu machen.

Ich finde auch, Wohnprojektgruppen sollten frühzeitig checken, welche Kompetenzen sich in der Gruppe befinden, also wer in der Gruppe etwas gut kann und in welcher Form bereit ist, es einzubringen und sich damit zur Verfügung zu stellen. Ich finde, derjenige oder diejenige, die etwas gut kann, sollte dann, wenn ihre Fähigkeit gebraucht und eingesetzt wird, die Führungsrolle übernehmen. Und sie danach wieder abgeben. Und wenn eine andere Fähigkeit einer anderen Beteiligten zum Einsatz kommt, soll diese die Führung übernehmen in dem Bereich, in dem sie kompetent ist. Auf diese Weise kann sich eine Rollen-Dynamik entwickeln, die optimal nutzt, was an Kompetenzen vorhanden ist und zudem dazu beiträgt, dass keine Positionen entstehen. Denn das ist klar: Aus Rollen dürfen keine Positionen werden! Positionen haben in Wohnprojektgruppen nichts zu suchen! 

Dieses Dilemma, das Wohnprojektgruppen mit der Führungsrolle haben, ist ein Thema, das wir alle zusammen lösen müssen, und an diesem Lösungsprozess möchte ich gerne mitmachen. 


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