Demokratie und Mehrheitsprinzip ist nicht dasselbe.

"Die Demokratie ist eine geniale Form der Entscheidungsfindung, aber die Leute wählen bisweilen die falschen Lösungen und etablieren Widerspruch geradezu prinzipiell. " 

Diesen Satz las ich eben in einem Essay auf spiegel-online. 

Demokratie ist jedoch keine Form der Entscheidungsfindung, sondern eine Gesellschaftsform,  in der Entscheidungen mithilfe des Mehrheitsprinzips getroffen werden. Da das Mehrheitsprinzip sozusagen an die demokratische Gesellschaftsform gekoppelt ist, gehen wir davon aus, Demokratie und Mehrheitsprinzip seien dasselbe bzw. untrennbar miteinander verknüpft. Aber das sind sie nicht. 

Demokratie kann auch anders Entscheidungen finden und treffen, nämlich mit dem Systemischen Konsensieren. Mit dieser Methode werden alle demokratischen Werte bestens umgesetzt und genutzt, um die Entscheidungen zu finden, die dem Konsens am nächsten kommen.

Das Mehrheitsverfahren sucht Gewinner. Und wer gewinnt, hat das Sagen. Und wer das Sagen hat, hat die Macht. Gleichzeitig und automatisch produziert das Mehrheitsverfahren Verlierer. Und wer verliert, wird nicht gehört. Und wer nicht gehört wird, fühlt sich nicht wertgeschätzt und nicht beteiligt. 

Der "prinzipielle Widerspruch", von dem in dem oben zitierten Satz gesprochen wird, ist genau das, was passiert, wenn vorhandener Widerstand und Widerspruch nicht gehört werden.

Wer gewinnt, kann keinen Widerstand und keinen Widerspruch gebrauchen. Demokratische Gewinner sind auch nicht verpflichtet, sich um demokratische Verlierer zu kümmern, denn sie sind demokratisch legitimiert und niemand zweifelt an ihrer Legitimation. Viele Gewählte sagen zwar in die Mikrofone, sie seien für alle da, auch für die, die sie nicht gewählt haben. Aber jeder weiß, dass dies lediglich Geschwätz ist und die Verlierer in ihrem Widerstand besänftigen soll.

Systemisches Konsensieren beruht auf einem ganz anderen Denken. Für Systemisches Konsensieren ist Widerspruch und Widerstand wesentlich und wird willkommen geheißen. Das Verfahren von SK beruht darauf, das jede:r Beteiligte jeden einzelnen Vorschlag, der zur Wahl steht mit Widerstandspunkten bewertet. Diese Punkte liegen auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 heißt: ich habe keinen Widerstand, ist okay für mich, und 10 heißt: das geht für mich gar nicht, ich habe hohen Widerstand. Alle anderen Zahlen dazwischen werden nach Gefühl vergeben.

Wenn sich alle geäußert haben, also wenn jede:r jeden einzelnen Vorschlag mit Widerstandspunkten bewertet hat, werden die Punkte eines jeden einzelnen Vorschlags addiert und so wird der Gruppenwiderstand deutlich. Alle Punkte, die NICHT gegeben wurden, zeigen die Akzeptanz für diesen Vorschlag. Der Vorschlag mit den wenigsten Widerstandspunkten und demnach mit der höchsten Akzeptanz kommt dem Konsens am nächsten und gilt als gewählt.

Das ist das Ziel des Systemischen Konsensierens: Entscheidungen zu treffen, die dem Konsens am nächsten kommen - weil diese Entscheidungen nachhaltig sind und die größte Energie für die Umsetzung freisetzen. Schlau gedacht und demokratisch.

Jetzt könnte man sagen: Naja, bei diesem Verfahren gibt es also auch Gewinner. Aber das stimmt nicht, weil wir das Konzept Gewinner-Verlierer im Systemischen Konsensieren nicht brauchen. Was wir brauchen ist die Mitsprache jedes Einzelnen, jeder Einzelnen, die beteiligt ist und ihre Widerstandspunkte abgibt. Wer ausdrücken darf, wie sehr er oder sie gegen etwas ist, fühlt sich wahrgenommen und gehört. Und wer sich gehört fühlt, fühlt sich zugehörig. Und wer sich zugehörig fühlt, hat einfachen Zugang zum Gemeinsinn. Und wer im Sinne aller denkt, will, dass das entschieden wird, was den geringsten Widerstand hervorruft, also die höchste Akzeptanz hat.

Akzeptanz heißt nicht "ich bin dafür," sondern "ich kann damit leben". Dieser feine Unterschied trägt dazu bei, dass es keine Gewinner und Verlierer gibt, wenn systemisch konsensiert wird. 

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