Der falsche Zeitpunkt für eine Pressemitteilung

Sagen wir Peter und Elke, sie sind um die sechzig, haben beschlossen, in ihrer kleinen Stadt in NRW ein Wohnprojekt zu gründen. Sie haben Bücher zum Thema gelesen, Sendungen im Fernsehen darüber gesehen und haben zwei schon realisierte Projekte in der Nähe besucht. Sie fühlen sich für ihr Vorhaben gut gerüstet. Zudem sind Johannes und Friedhelm und deren Freundin Salma mit im Boot. Friedhelm bringt außerdem noch Tarik und Jessica zu einem ersten Treffen mit, in Peters und Elkes Wohnzimmer. Eine kleine Gruppe von sieben Leuten, davon zwei Paare: Peter und Elke sowie Johannes und Friedhelm.

Nicht alle kennen sich, und so geht es darum, sich erstmal kennenzulernen. Die kleine Gruppe trifft sich eine zeitlang reihum in den verschiedenen Wohnzimmern und jedes Mal ist es Thema, dass jemand jemanden kennt, der oder die auch gerne mitmachen würde. Aber die Wohnzimmer sind zu klein für mehr Leute. 

Peter nimmt Kontakt mit dem Liegenschaftsamt vor Ort auf, um zu fragen, wie es mit einem Grundstück aussieht. Elke nimmt Kontakt mit der evangelischen Pfarrerin auf, um zu fragen, ob es  möglich ist, einen Raum im Gemeindezentrum für wöchentliche Gruppentreffen nutzen zu können. 

Die Pfarrerin findet die Idee mit einem Wohnprojekt in der Stadt gut und möchte die Gruppe unterstützen. Elke kommt also mit einem positiven Bescheid zum nächsten Gruppentreffen. Peter kann leider nichts Positives berichten, denn beim Liegenschaftsamt findet man die Idee eines Wohnprojekts in der Stadt zwar  gut, aber leider haben sie kein Grundstück, was sie der Gruppe in Aussicht stellen können.

Also beschließt die Gruppe, dass jeder und jede auf ihre Weise nach einem geeigneten Grundstück Ausschau hält. Es soll ein Haus mit ungefähr 25 bis 20 Wohnungseinheiten werden, größere und auch kleinere. Weil mit dieser Zahl die Gruppe groß genug sein wird, um die Bildung von kleineren Untergruppen auffangen zu können. Ist die Gruppe kleiner, kann es passieren, dass es zu einem Konflikt kommt und sich die Gruppe spaltet und damit das gesamte Projekt infrage gestellt wird.  

Jedenfalls geht Peter als nächstes zum städtischen Wohnungsbauunternehmen und fragt dort nach einem Grundstück. In dem Gespräch wird er auch gefragt, wie viele Leute denn in der Gruppe wären. Und als er sagt "wir sind derzeit sieben", merkt er aus der Reaktion der Gesprächspartnerin, dass das doch recht wenig seien, und ab diesem Moment empfindet Peter, dass er nicht wirklich ernst genommen wird mit seinem Anliegen. 

Klar: Unternehmen funktionieren mit ZAHLEN. Daten und Fakten. Das weiß Peter und das wissen alle aus der Gruppe und jetzt meinen sie, sie müssten dafür sorgen, dass diese Zahlen zustande kommen. Um sie zu liefern, wenn sie ein Grundstück finden wollen. Da sie die Zusagen für den Raum im Gemeindezentrum haben, meinen sie, der Moment für eine Pressemitteilung sei gekommen. Um auf diese Weise Leute zu finden, die mitmachen wollen.

Ein fataler Fehler. Falsches Timing. Eine Fehleinschätzung. Viel zu früh. Viel zu schnell. Gruppen, die zum falschen Zeitpunkt groß werden, sind extrem instabil und gefährdet. Aber das wissen die sieben aus der beschriebene Gruppe nicht. 

Zurück in die kleine Stadt in NRW. Stand der Dinge:  Ja, es gibt die Idee, und ja, es gibt sieben Leute, die sich schon ein paar Mal getroffen haben. Ja, es gibt einen Entwurf für ein Konzept. Ja, Peter hat es von einer Webseite eines anderen Wohnprojekts kopiert. Ja, die anderen finden es gut. Ja, Friedhelm hat eine kleine Webseite für die Gruppe eingerichtet. Ja, Friedhelm hat den kopierten Text ein wenig abgewandelt, bevor er ihn auf die Webseite gestellt hat. Ja, auch das finden alle gut. Und jetzt wollen sie sich der Öffentlichkeit zeigen und für sich werben, damit sie neue Leute finden, damit sie bessere Zahlen anbieten können und dadurch überzeugen können. 

Mit Zahlen argumentieren ist die Kommunikation der Unternehmenswelt. Wohnprojekte gehören aber nur mit einem gewissen Teil ihrer Wirklichkeit zur Unternehmenswelt. Ein anderer, wesentlicher Teil von Wohnprojekten folgt ganz anderen Werten und Kriterien, in denen Zahlen überhaupt keine Rolle spielen. In denen es um Gemeinschaft geht, um Kommunikation, um Lebensgestaltung, um Zwischenmenschliches, um Gruppendynamik, um eine neue Lebensform. Da geht es um die Entwicklung von Kultur im Sinne von Kommunikationskultur, Fehlerkultur und Lernkultur. Da geht es um Potentialentfaltung. Sowohl der Einzelnen als auch der Gemeinschaft. Aber klar, das alles kommt im Gespräch mit einem Vertreter des Liegenschaftsamts oder der Geschäftsführerin des städtischen Wohnungsbauunternehmens nicht vor. Das interessiert dort nicht. Damit ist kein Geschäft zu machen. Aber es sollte bei den Gruppentreffen vorkommen, also im Inneren der Gruppe, im Miteinander. Sie sollten wissen, dass es bei ihnen um mehr geht als um Daten und Fakten und Zahlen. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird die Gruppe irgendwann auch nur noch aus Zahlen und Daten und Fakten bestehen. Und alles andere, alles Zwischenmenschliche passiert dann  einfach so wie im ganz normalen Lebenssetting auch. Zwischendurch und privat, irgendwie. Manche teilen es vielleicht miteinander, andere nicht. Wohnprojektgruppen versäumen dann die große Chance, die sie haben und nehmen die Gelegenheit nicht wahr, eine Gemeinschaft zu werden und es anders zu machen als bisher und als anderswo in einem ganz normalen Miethaus oder einer Eigentümergemeinschaft. 

Das ist der eigentliche Impuls, dem Elke und Peter gefolgt sind, als sie aktiv wurden. Sie wollen für ihre Zukunft und ihr Leben in Alter eine Situation schaffen, die sie sie aktiv mitgestalten wollen, zusammen mit anderen, die dasselbe wollen wie sie. Gute Nachbarschaft. Gegenseitige Unterstützung und Hilfe. Liebevoller Umgang miteinander. Achtsame Kommunikation. Das ist besonders Elkes Motivation, weil dort ihre persönliche Verletzung liegt. Sie hat Mobbingerfahrung und weiß, wie wichtig der offene, ehrliche und liebevoller Umgang miteinander ist. Daher sorgt sie auch bei den Gruppentreffen immer für eine gute Atmosphäre, wenn die Gruppe sich bei ihr zuhause trifft. Aber manchmal gibt es auch Diskussionen, vor allem zwischen Peter, ihrem Mann, und Tarik, den Friedhelm mitgebracht hat, der nicht zu ihrem Bekanntenkreis gehört hat. Zwei meinungsstarke Männer. "Das kann noch heiter werden" hat Jessica letztens nach einer Diskussion der beiden Elke zugeflüstert.

Jetzt ist der Blogeintrag so lang geworden und ich hab noch nichts darüber geschrieben, wieso der Zeitpunkt für die Pressemitteilung falsch ist. Aber es lässt sich aus dem anderen, was ich geschrieben habe, schlussfolgern. Wenn die Gruppe der sieben keine stabile Gemeinschafts-Basis hat, wenn sie keine eigene Gruppenkultur entwickelt hat, wenn die sieben sich nicht darum gekümmert haben, weil sie es nicht als Aufgabe auf dem Schirm hatten, sondern die Treffen in den Wohnzimmern immer unter dem Label Privattreffen stattgefunden haben, natürlich mit Snacks und etwas zum Trinken, dann ist die Gruppe nicht vorbereitet für das, was passieren wird, wenn in der Lokalpresse die Mitteilung veröffentlicht wird, dass in der Stadt ein Wohnprojekt geplant wird und dass Interessierte sich bei der folgenden Adresse melden können.

Was dann passiert, beschreibe ich im folgenden Blogeintrag.


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