Theorie und Praxis

Die Profis, die sich mit Kommunikation in Gruppen beschäftigen, geben viele Hinweise und Ratschläge, sowohl im Netz als auch in Buchform.Es gibt viele Diagramme, die aufzeigen, wie in Gruppen gesendet und empfangen wird, welche Ebenen angesprochen werden, wenn man dieses oder jenes sagt oder tut oder auch nicht. Die darauf hinweisen, was passiert, wann wer in welcher Rolle was zu wem sagt oder sagen soll oder nicht sagen sollte. Viel Text. Viele Modelle und Zeichnungen. Viel Wissen. Viel Theorie.

Aber. Zwischen Denken, Schreiben, Lesen, also der Theorie und dem Handeln gibt es Gräben. Mich interessiert, wie diese Gräben überwunden werden können. Wie das vorhandene Wissen in die selbstorganisierten Gruppen kommt, wie es dort umgesetzt wird und zur Gewohnheit werden kann. Um jedoch immer wieder hinterfragt zu werden. Denn Gruppen sind im ständigen Prozess, wenn sie lebendig sind. 

Ich kenne diese Gräben zwischen Theorie und Praxis gut. Ich lese viel zum Thema Kommunikation in Gruppen, besuche Workshops und Fortbildungen und theoretisch bin ich voll mit Wissen darüber, wie richtiges Kommunizieren geht. Aber wenn es ans Handeln geht, wenn Interaktion stattfindet, kann es passieren, dass alle Theorie weg ist und ich aus einem Impuls heraus etwas sage oder antworte oder frage oder eine Geste mache oder eben das alles auch nicht, und damit bei jemand anderem Befremden auslöse. Oder sich jemand verletzt fühlt. Wollte ich das? NEIN! Natürlich nicht. 

Oder: Jemand anderes sagt etwas und ich bin perplex. Vielleicht erschrocken. Vielleicht geschockt. Vielleicht auch verletzt. Oder gekränkt. Und wenn dieser Jemand, jemand aus einer Gruppe ist, zu der ich mich zugehörig fühle, dann ist eine Störung entstanden und ich muss mich um die Lösung kümmern. Aber das ist nicht so einfach. Ich will ja weiterhin mit dieser Person zu tun haben, aber da ist jetzt etwas zwischen uns, was es schwer macht. Schwierig. Jetzt ist Wissen und Können gefragt. 

 Ob Wohnprojektgruppe oder Ökogruppe oder Nachbarschaftsgruppe, alle selbstorganisierten Gruppen befinden sich in einer wilden Kommunikations-Landschaft. Die meisten Gruppen, das kann man sicher sagen, ohne eine wissenschaftliche Erhebung gemacht zu haben, kümmern sich nicht besonders um ihre Kommunikation-Landschaft. Sie ist kein Kriterium für ihre Aufmerksamkeit, sie liegt nicht in ihrem Fokus. Sie machen das, was sie kennen und wie sie denken, wie es richtig ist. Sie erkennen die Macht nicht, die sie haben, was die GruppenKommunikationsKultur angeht. 

Ich habe mal bei einem Interview jemanden aus einer Wohnprojektgruppe gefragt, wie sie denn miteinander kommunizieren, wenn sie ihre Treffen abhalten. Die Antwort war: "Man muss doch nur vernünftig miteinander reden. Dann klappt das schon." Einige Jahre später traf ich diesen Mann zufällig auf der Straße in seiner Stadt und beim Erzählen erfuhr ich, dass er mit vielen aus dem Projekt mittlerweile zerstritten  ist und nicht mehr mit ihnen spricht. Einige hat er sogar verklagt. Da fiel mir seine Aussage von damals ein und ich habe gedacht: Vielleicht waren sie ihm nicht „vernünftig“ genug. 

Gruppenkommunikation ist eine komplexe Angelegenheit. Mein Anliegen ist, die Komplexität des Themas für selbstorganisierte Gruppen, nicht nur für Wohnprojektgruppen, aufzuschlüsseln und Mut zu machen, sich die Frage zu stellen: Wie wollen wir miteinander umgehen? Damit wäre sozusagen der Grundstein gelegt, sich um die wilde Kommunikationslandschaft der eigenen Gruppe zu kümmern und sie zu gestalten. Wobei es nicht darum gehen soll, das Wilde vollkommen zu eliminieren. Das wäre schade, denn manchmal ist es befreiend und gut, wenn Gruppen chaotisch sein dürfen und es drunter und drüber gehen darf. Kommunikation gestalten hat nichts damit zu tun, Regeln einzuführen und einzuhalten, sondern viel mehr damit, Bedingungen zu schaffen, in denen sich alles und alle entfalten können, damit das gemeinsame Anliegen erfolgreich umgesetzt werden kann. 


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