Der Hefeteig geht.
Ich liebe es, Teige zu mischen und zu kneten. Aber ich esse kaum etwas, was aus Teig besteht. Und zum Verschenken werden die Backergebnisse meist nicht gut genug. So ist es auch mit Häkeln und Stricken. Ich liebe diese Tätigkeiten, aber was die Ergebnisse angeht, sieht es gar nicht gut aus.
Mir ist das egal, ich erwarte nichts von mir und kenne dieses Erwarten von Nichtgutgenug auch von ganz früher, als ich ein Kind war und einfach für "nichts zu gebrauchen" war. Das war der Tenor in meiner Urspungsfamilie, sobald es darum ging, dass ich irgendetwas tat, was mit Haushalt oder Handarbeiten zu tun hatte
Ich war immer schon gut im Denken. Das hat aber damals zuhause niemanden interessiert. Also habe ich heimlich gedacht. Und viel geträumt. Und nichts davon erzählt. Ich habe früh erfahren, dass, wenn ich meine Gedanken oder Träume zeigte, sie also formulierte und von ihnen erzählte, Bemerkungen kamen, die mir nicht guttaten. Vor allem wurde es lächerlich gemacht.
Das hat mich geprägt und dazu geführt, dass ich später in Beziehungen mit Männern war, die mich lächerlich machten, anstatt in einen Austausch über Gedanken und Gefühle zu gehen. Also habe ich dort, wo ich jeweils zuhause war, weiterhin heimlich gedacht und gefühlt und nur draußen in der Welt, in Zusammenhängen, in denen ich mich sicher fühlen konnte, meine Gedanken formuliert und meine Gefühle in Worte gebracht.
Ich schreibe das, während die Brioch im Ofen backt und sich ein wunderbarer Duft nach frischem Brot in der Wohnung verbreitet. Ob die Brioche dann gutgenug geworden ist und ich sie morgen mitnehme zum gemeinsamen Frühstück mit meinen Schwestern, das werde ich entscheiden, wenn ich sie aus der Form genommen habe, sie von allen Seiten angeschaut und befühlt habe, und wahrscheinlich werde ich auch eine Scheibe abschneiden, um sie zu testen. Denn sie muss gutgenug sein für meine Schwestern, die echt gut backen können.
Für mich ist sie in jedem Fall gut genug, denn ich backe heute zum ersten Mal eine Brioche. Und ich schreibe auch zum ersten Mal einen Blogeintrag, während ein Hefeteig geht und backt. Damit habe ich mir eine Konstellation geschaffen, die mir hilft, mein Mindset zu erforschen und herauszufinden, was in ihm los ist, woraus es sich zusammensetzt, was in ihm abgelegt ist und wirkt. Das alles interessiert mich seit einiger Zeit sehr, denn ich möchte mein Mindset aufräumen und Platz schaffen für Neues. Was dieses Neue sein wird, weiß ich noch nicht, aber es soll gut sein für ein gutes Leben über 80. Ich habe begonnen, mein Mindset für die letzte Phase meiner Lebenszeit vorzubereiten. Und jetzt hole ich die Brioche aus dem Ofen.
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