Wenn sich das Kollektive und das Persönliche parallel entwickeln.

Wahrscheinlich gibt es ein Wort für das, was ich hier beschreiben will, aber ich kenne es nicht. Es geht um ein Phänomen, das ich mehrmals erlebt, aber noch nie beschrieben habe. Aber der Reihe nach. 

Die bewusste Erfahrung des Phänomens, um das hier geht, begann vor ca. fünfzig Jahren, als ich ungefähr dreißig war. Ich gang nach Andalusien, in ein kleines Dorf, in ein kleines Haus ohne Strom und ohne Wasser. Ein Teil des Hauses war eine Ruine und wir, mein damaliger Mann und ich, sahen in allem, was uns umgab, die Möglichkeit, unseren Traum vom Haus am Mittelmeer zu verwirklichen. Und so wie das Haus und seine Umgebung mich an die Zeit meiner Kindheit erinnert hat, mit unasphaltierten Straßen und Häusern in Ruinen nach dem Krieg und alten Männern und Frauen, die abends ihre Stühle vors Haus stellten und zusammensaßen, so fasziniert war ich davon, dass diese andalusische Welt mir nochmal zeigte, was sich alles in den letzten dreißig Jahren in Deutschland entwickelt hatte.

Und das ist mein Thema: Die Entwicklung der verschiedenen Ebenen, die man im Laufe seines Lebens miterlebt. Die eigene persönliche sowie die gesellschaftlich kollektive Entwicklung. Selbstbestimmt und selbstgesteuert, vom Schicksal und der Natur bestimmt und politisch gesteuert auf der kollektiv- gesellschaftlichen Ebene. Überall ist ständig Prozess und man ist Teil davon. 

Mit anfänglichen Unterbrechungen habe ich mehr als 30 Jahre in Andalusien verbracht und miterlebt, wie sich der gesellschaftlich-kollektive Prozess dort entwickelt hat, vor allem als Anfang der Neunziger viel Geld aus der Europäischen Union in die Landeskassen floss. Es war Aufbruchstimmung. Vieles, was den Leuten auf dem Land in Andalusien früher unmöglich schien, war plötzlich möglich. Es wurde gebaut wie verrückt. Es wurden Gemüseplantagen unter Plastikhüllen angelegt, in denen drei Mal pro Jahr geerntet werden konnte. In die Mitte einer der vielen Kreisverkehrsinseln, die im Lauf der Jahre in der Umgebung entstanden, wurde die Skulptur einer riesigen roten Tomate gestellt. Ein Wahrzeichen für Wohlstand und Fortschritt. Und dann natürlich all die vielen Hotels, die wie Pilze aus dem Boden sprossen. 

Was ich sagen will: Ich habe dort in Andalusien miterlebt und war Teil eines kollektiven Prozesses, den man als Entwicklung in eine bessere Zukunft bezeichnen kann. Damit geht eine gewisse kollektive "Schwingung oder Energie" oder wie immer man es bezeichnen will, einher. So jedenfalls habe ich es erlebt. Man wächst mit, irgendwie jedenfalls. Das Kollektive trägt einen. Genau dasselbe habe ich als Kind im Rheinland erlebt. 1946 im zerstörten Köln geboren und auf dem Land groß geworden, ging es kollektiv und persönlich ständig weiter, höher, schneller, und vor allem immer besser.... besser als zuvor. Und das hieß: mehr Wohlstand für sehr viele, bessere Gesundheitsmöglichkeiten für die allermeisten, bessere Bildung für fast alle. Und so weiter. Die Zukunft war ein Versprechen auf Möglichkeiten, die die jeweils nächste Generation weiterkommen ließ als die der Eltern und erst recht als die der Großeltern. 

Das hat sich geändert. Im Jahr 2026 ist die kollektive Zukunft ungewiss. Irgendwie scheint es nicht besser zu werden, sondern es geht vielen eher schlechter. Und was für mich als derzeit alte Frau erstaunlich ist: der kollektive Prozess passt wiedermal zu meinem persönlichen. Irgendwie läuft es wieder parallel. Natürlich wird alles Kollektive und die Welt länger existieren als mein persönliches Leben, aber die Art und Weise, WIE es existiert, hat sich verändert und kann in manchen Situationen in eine Schwingung geraten, die dem Leben einer alten Frau ähnelt. Vieles geht nicht mehr so wie früher. Hier und da klemmt es. Vieles wird unsicher und verunsichert. Manches hört auf. Plötzlich ist Neues da und man muss lernen, es zu verstehen. KI zum Beispiel.

Aber zurück zu dem Wort, das ich nicht kenne, das es aber wahrscheinlich gibt für die Synchronizität eines individuell persönlichen Lebensprozesses und einem kollektiv-gesellschaftlichen Prozess. In meinem Falls habe ich durch das Wechseln des Landes, zwei Mal einen kollektiven Aufstieg erlebt, war Teil davon und habe persönlich davon profitiert. Und jetzt als alte Frau profitiere ich wieder von einem kollektiven Prozess, der, genau wie mein persönlicher, ein Umbruch ist, ein Anhalten von BESSER, voll von Unsicherheitsgefühlen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die unvorstellbar schienen. 

In jedem Fall fühle ich mich mit meinem eigenen Lebensprozess in das kollektiv-energetische Lebens- und Zukunftsfeld eingebunden und mit ihm verwoben.  Es ist, als wären Teile des Kollektiven auch alt geworden und müssten bald sterben. An vielen Stellen schwächelt es. Manches ist irgendwie krank und tut weh. Ganz Altes kommt zurück mit ähnlichem Gedankengut wie damals, vor meiner Lebenszeit, was aber das Leben unserer Eltern bestimmt hat. Das alles, das Neue und das Alte so zu verstehen und einzuordnen, dass es Sinn macht und uns alle zusammen nicht davon abhält, zuversichtlich zu sein, das ist etwas, was mir am Herzen liegt und wozu ich meinen Beitrag leisten will.  



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